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Aug 10 2012

Plädoyer für Homosexuellenrechte in St. Petersburg

Sie hielt ihr Versprechen. Schon vor Monaten, als in St. Petersburg das neue Gesetz erlassen worden war, das die Rechte von Homosexuellen dort einschränkt, hatte Madonna angekündigt, während ihres Konzerts darauf einzugehen. Und genau das hat sie gestern abend auch getan. Der Gegenwind, der ihr in Russland seit ihrem Statement für die Pussy Riots entgegen weht, und auch Drohungen, dass ein „schwulenfreundliches“ Statement als illegale „homosexuelle Propaganda“ aufgefasst werden und entsprechende Konsequenzen haben würde, haben sie nicht davon abgehalten, weiterhin ihre Überzeugung allen deutlich kund zu tun.

Und sie tat es mit der ihr üblichen Leidenschaft. Schon am Vortag des Konzerts wurde über madonna.com eine Kampagne gestartet, die alle Besucher der Show aufforderte, als Zeichen der Solidarität ein pinkenes Wristband zu tragen. Diese Wristbands wurden vor der Show an alle Fans verteilt, sodass alle – homosexuell oder nicht – es tragen und sich an der Aktion beteiligen konnten. Die Resonanz war überwältigend; fast jeder Besucher trug freiwillig und stolz das Armband.

In ihrer Rede erklärte sie dann, dass man keine Religion der Welt als Rechtfertigung dafür benutzen kann, andere Menschen zu diskriminieren, sondern dass vielmehr die Nächstenliebe das wichtigste aller Gebote ist. Dann forderte sie alle Besucher auf, ihre Arme zu heben und ihre pinkenen Wristbands zu zeigen. Es war ein sehr emotionaler Moment, in dem mehrere Tausend Menschen ihre Solidarität und Gesinnung für die richtige Sache demonstrierten. Und auf sehr geschickte Weise wurden über die Wristbands auch die heterosexuellen Besucher mit einbezogen, denn gerade auf deren Einsicht in dieser Sache kam es ja an. Später in der Show kam bei Like A Prayer noch eine Regenbogenflagge zum Einsatz und unterstrich einmal mehr, dass Religion und Homosexualität durchaus zusammen gehören können.

„No Fear“, die Worte, die nach dem Human Nature Strip auf Madonnas Rücken gezeigt werden, sind seit Beginn der Tournee das Leitmotto gewesen. Und auch wenn es nur zwei Worte sind, haben sie doch eine sehr vielschichtige Bedeutung. Zum einen geht es darum, dass Angst Intoleranz erzeugt; Menschen haben Angst vor Menschen, die anders sind und diskriminieren sie in der Folge. Es ist also wichtig, Angst zu überwinden, um in Harmonie mit allen Menschen leben zu können, egal ob es dabei um Religion, Kultur, Hautfarbe, sexuelle Orientierung oder was auch immer geht. Zum anderen bedeutet es aber auch, keine Angst zu haben, wenn es darum, für die richtige Sache einzustehen. Jeder muss für seine Rechte kämpfen – auf friedliche Weise kämpfen, wohlgemerkt – und dabei seinen Widersachern direkt ins Auge sehen. Das ist sicher nicht leicht, aber Madonna macht es uns Show für Show vor. In genau der Stadt, in der das sogenannte Anti-Schwulen-Gesetz erlassen wurde, macht sie ihr Statement und trotzt allen Gegnern, genauso wie sie in der Stadt, in der die Pussy Riots verhaftet worden waren, ihr entsprechendes Statement machte. Es ist leicht, über Menschenrechte zu reden, wenn man sich an einem sicheren Ort befindet. Aber es dort zu tun, wo es tatsächlich brennt, sozusagen mitten im Feindeslager, ist ein anderes Kaliber.

Viele Gegner des Gesetzes von St. Petersburg hatten Madonna und andere Künstler gebeten, ihre Konzerte in Russland abzusagen, um auf diese Weise ihren Protest auszudrücken. Die meisten Künstler haben auch tatsächlich ihre Konzerte dort gestrichen. Doch Madonna wählte wie so oft den anderen Weg. Sie begab sich direkt in die Höhle des Löwen und sorgte so für die größtmögliche Aufmerksamkeit für ihr Anliegen. Die ganze Welt berichtet jetzt über Madonnas Rede in St. Petersburg und jeder, auch wenn er kein Fan von Madonna ist, muss ihren Mut eingestehen. Und auch wenn sich das Gesetz nicht gleich morgen ändern wird, hat Madonnas Auftritt wahrscheinlich mehr für Toleranz und Akzeptanz geleistet, als all die Shows, die abgesagt wurden. Madonna hat die Menschen vor Ort sowie im Rest der Welt zum Nachdenken gebracht und zu mutigem Handeln aufgefordert. Mehr kann man von einem Popstar wohl kaum erwarten.

Und die Fans dankten es ihr. Erstmals gab es nach ihrer Rede von Herzen kommende „Thank You! Thank You!“-Rufe.